
Nichts ist so wie es scheint hier. Umzäunt von allerlei Döner-; Pizza-, Falafel-Mief rund um den Rosenthaler Platz reiht sich das „5 Flavor“ in das Häuser- und Küchenensemble an der Tor-Ecke-Brunnenstaße ein. Erster Gedanke: wieder einer von diesen euroasiatischen Schuppen, diesen China-, Thai-, Vietkong-Imbissen, die jegliche ernstzunehmende asiatische Restaurantkultur mittlerweile mit Kampfpreisen und Glutamat-Overkill ertränkt haben. Lange her die Zeiten wo man noch in China-Restaurants pirschte, sieben Köstlichkeiten oder Peking-Ente bestellte und sich einem Hauch der Ferne hingab. Gibt´s ja überall mittlerweile und gibt´s dann auch noch unschlagbar günstig. Nur ohne Aquarium und ohne Glückskekse. 5 Flavor jedenfalls erwies sich als Glücksgriff. Zwar versucht man auch hier die Hostel-Hopper mit ein wenig asiatischer Mischkost zu ergattern, im Zentrum aber steht ganz klar chinesische Hausmannskost und dabei insbesondere: der Feuertopf. So dampft es in jedem Winkel des Restaurants, Köpfe gucken, rühren, suchen, fischen in großen Schalen – Stäbchen only, versteht sich. Wer sich für ein normales Gericht entscheidet, trifft die falsche Entscheidung am falschen Ort, denn hier ist der Feuertopf – eine Art chinesisches Fondue – das Highlight. Dafür sollte man sich schon mal den ganzen Abend freihalten, denn neben kulinarischer Experimentierfreude ist auch eine ganze Stange Zeit erforderlich. Unter zweieinhalb Stunden geht man hier nicht raus. Kein Raum für Hastige. Das macht die Sache extrem angenehm. Während die Massen sich nebenan irgendwelche Esstaschen in ihre Backentaschen quetschen und bei der Bewegung zum Mund noch auf die Uhr linsen, kann man sich hier erstmal zurücklehnen und die Dämpfe auf sich wirken lassen. Unterstützt wird man von der nur 1,40 Meter großen Chefin, die lächelnd und mit vogelgemustertem schwarzen Seidenhemd die großen Töpfe auf die Tische stemmt und jedem uninformierten Gast – da gabs gar nicht mehr so viele wie angenommen – eine kurze Einführung in Sachen Feuertopf gibt. Nachdem die Worte gewechselt und die Infos getauscht waren, konnte es also losgehen.
Wählt man den Feuertopf (14,90 Euro), wählt man auch die freie Auswahl am großen Büffet, des sehr sorgsam von den 5 Flavor-Frauen gepflegt wird. Dazu zählt auch eine kalte, nicht fonduefähige Ecke, die uns kurzerhand als Vorspeisenreservat diente. Während also bereits der Topf in der Mitte auf original chinesischer Kitsch-Heizplatte nach seiner Betriebstemperatur strebte, sorgten die etwas trockenen Sesam-Bällchen mit Mohn-Füllung für Knabberspaß vorab. Sehr viel besser gefielen jedoch die an russische Pelmeni oder polnische Pierogi erinnernden Teigtaschen. Kleine kompakte gekochte Gebilde mit einem aus prägnanten Gewürzen und Hackfleisch bestehenden Innenleben. Ich weiß gar nicht was es genau war, aber die waren gut. Unsere kleine chinesische Connaisseurin legte uns noch die Schweinepfoten ans Herz. „Ein Klassiker in China“. Ein kleiner Test genügte jedoch und ich zeigte der Pfote die kalte Schulter, um mich den warmen Dämpfen zu öffnen.
Zwei Hälften nennt der Topf sein Eigen. Links brutzelt ein Gemisch aus Brühe, Zwiebel, Lauch, Tomate und Bambus – „die normale Seite“. Rechts schießen uns Knoblauch, Chili, Pfeffer, Gewürze und Lauch in die Augen – „die scharfe“. Beide dürsten nach schnell zu garendem Gut. Also hieß es, rasch die Platten am Büffet zu füllen. Alles herrlich dünn und schlank portioniert. Spinat, Gemüse, Champignons, Lamm, Rind, Rotbarsch, Scampi, Algen, Fischbällchen, Kartoffeln, Tofu in allen Varianten und und und…. Die Platte füllt sich im Nu. Der Magen langsamer. Gut Ding will Weile haben. Alles schön dezent portioniert. Gut so. Mit Stäbchen geht’s hinein in den Topf, mit einem Sieb befördert man die Dinge wieder aus dem Sud und muss höllisch aufpassen, dass man nicht die Gewürze mit hinausfischt, dann kann man sein Getränk – bei mir wars ein wenig stilechtes großes „Flensburger“ – schon mal auf Ex trinken. Sowieso ist die Schärfe ambitioniert, aber nicht unangenehm. Sie nährt die Vorstellung, was bei chinesischer Hausmannskost so Standard ist. „Spicy“ jedenfalls kann sehr vielseitig definiert werden. Mir gefällt mit der Zeit die Brenn- und Ablösch-Kombination, so dass ich mich oft auf die scharfe Seite schlage.
Ergänzt wird die Speisen-Vielfalt mit leider nur zwei Soßen, eine auf Erdnuss-, die andere auf Tofu-Basis. Als dritte wäre noch ein Knoblauch-Gemisch drin gewesen, aber davon gabs im Topf schon genug. Allesamt okay, die Soßen, aber auf Dauer etwas langweilig, so dass oft auch Sud+Speise die bessere Wahl darstellte. So geht’s dann gute zwei Stunden, auch vier wären drin gewesen – so lange bis der Topf ausgedampft hat. Tofu und Rind und scharfe Champignons machten - nachdem alles durchprobiert wurde - das Rennen. Und natürlich diese Riesengarnelen, die roh unschön anzuschauen, aber nach 30 Sekunden Sudbad zu den Königen der Dampftöpfe avancierten. Da mache ich mir gerne beim Pulen schon einmal die Finger schmutzig.
Ausgelutscht: Puddingstreifen
Nachtisch gabs eigentlich nicht mehr, zumindest keinen zusätzlich bestellbaren, dafür war das Feurtopf-Fest schon ausgiebig genug. Da das Plattenbefüllen für den Feuertopf nach diesem eigentlich abscheulichen All-you-can-eat-Motto abläuft, hört man ja ohnehin schon meist viel zu spät auf. Das ist ja das perverse. Mit Geschmack und Genuss hat das dann irgendwann ja nicht mehr so viel zu tun. Eher mit nicht aufhören können und wollen. Deswegen reden die stumpfinnigen All-you-can-Eater ja irgendwann nicht mehr vom wovon, sondern nur vom wie viel. Ihhh Bäh! Im 5 Flavor hatte das Nicht-Aufhören-Müssen jedoch aufgrund des Variantenreichtums durchaus seine Berechtigung. Zum Nachtisch musste dann also auch erneut die kalte Ecke herhalten, denn dort gab es auch eine Schale mit Puddingstücken. Pudding ist nett gesagt, denn diese wabernden gummiartigen Quader strotzten so vor Gelantine, dass man sie auch als Spielzeug hätte benutzen können. Im Mund fühlte sich das Ganze dann wie ein weich gekochter Flummi an, den es mal in fruchtig und mal in ingwerhaltig gab. Beides riss mich nicht vom Hocker, gerne hätte ich die Pudding-Dinger straight ins Dampfbad gespuckt und sie ihrer jämmerlichen Konsistenz beraubt. Aber es blieb beim braven Zerkauen, Erdulden, Erlutschen, aber auch bei nur einem Versuch pro Pudding-Stück. Satt war ich ja ohnehin schon längst. So ein Nachspiel hatten die sich munter im Magen türmenden Garnelen gewiss nicht verdient gehabt.