
„Alte Seifenfabrik“ steht vorne drauf. Dudu ist drin. Hier ist nix alt oder antiquiert. „Up-to-date“, wenn Du weißt was ich meine. Kaum übertreten wir die Türschwelle sitzen wir auch schon auf Bänken. An einem dieser 8-Mann-Tische aus gut verarbeitetem Holz. In einer Horde sehr netter Berlin-Touristen – die eigentlich gar nicht so recht hier hin passt, in diesen Kreis der Connaisseure. Ansonsten passt hier vieles. Junges gut gekleidetes Personal und junges ähnlich gekleidetes Publikum bedienen das Mitte-Schubladendenken ganz gehörig. Es scheint ganz so als habe jemand das neueste Zoo- oder Vice-Magazin aufgemacht und habe die ganze Meute schnurstracks ins Dudu pilgern lassen. Auch das Interieur passt zusammen. Warmes Material, kein Schnick-Schnack, pro Tisch zwei Einzelblumen, an der Decke Glaskugelleuchter und ein paar Plastik-Goldfische. Ein Blick in die Karte stärkt den Eindruck, dass hier Grafiker, Inneinrichter und Chef de la cuisine gemeinsame Sache gemacht haben. Wichtiger als das gedruckte Papier ist die Tafel auf der drinnen wie auch draußen keine Spezialitäten, sondern Spontaneitäten feil geboten werden.
Ganz so spontan wie der Küchenmeister ist der vietnamesische Betreiber – ein zeitgemäß mit grauer Röhrenjeans langem Pulli und schlicht weißen Ledersneakern gekleideter geschätzter Endzwanziger - nicht. Den Wunsch Fotos zu machen ließ er sich zunächst von einer seiner jungen Damen – von denen wir im Laufe des Abends drei verschiedene kennen lernten – berichten, um dann zum persönlichen Gespräch zu bitten, um dann auf die Pressefotos zu verweisen. Das wiederum hatte wenig Stil. Aber: es soll halt irgendwie alles passen. Die Teller jedoch hatten nichts gegen mein Blitzlichtgewitter. Aber die Postergirls und Posterboys des Ladens hätten sich auf den Fotos auch ganz gut gemacht. Ehrlich gesagt hätte es mich auch nicht gewundert, wenn neben einigen b-prominenten Schauspielern auch Guido Westerwelle oder ähnliches aufgekreuzt wäre. Im neuen liberalen Lebensportfolio macht sich ein Dinner bei Dudu gewiss ganz gut. Genug geguckt und gedisst. „Iss´ was Junge“, rumort mein Magen. Also los.
Bei Spontaneität numero uno von Teller zu sprechen ist leicht untertrieben. Sechs in Reismantel gehüllte Stücke rohen Fisches kommen in einer Art Longtail-Porzellan-Boot daher geschippert. Das ist so lang dass es fast mit den anderen Booten auf dem Holztisch kollidiert. Balance ist gefragt. Das gilt auch für die Holzstäbchen mit denen man den ummantelten Tuna greift und in eine herrliche Rotwein-Soja-Sauce tunkt. Das freut den Tuna und meinen Gaumen. Das sieht gut aus. Was sonst. Schmeckt vorzüglich. Und die Rohheit des Fischs erweist sich bei aller Skepsis als großer Griff. Bei sechs Happen für amtliche 6,80 Euro wird allerdings spätestens nach dem vierten Balanceakt klar, dass der Spaß schnell ein Ende haben wird und dies nur der Anfang sein kann. Prädikat besonders wertvoll.
Es war einer dieser wilden ungezügelten Abende: Auf wilden Thunfisch folgten wilde Kräuter. Wie wild und aufregend, aber – zugegeben – auch nicht das größte Experiment und angesichts der everything-goes-Philosophie in Duduhausen wohl eher die sichere Nummer als der kulinarische Exzess mit allen Risiken aber auch allen möglichen Glücksgefühlen. Dezente sehr dünne, fast daher gehauchte Hähnchenbrustscheibchen treffen auf Koriander, Basilikum, Sprossen-Salat und Kokosmilch. Alles sehr mild, aber so gut aufeinander abgestimmt, dass jede Zutat Sinn macht und zur Geltung kommt. Dargeboten wird das „Fusion-Food“ – wie man hier sagt – in liebenswerter dünner Keramik aus südafrikanischen Produktionshäusern. Erneut ist das was fürs Auge. Klaro. Aber das ist wirklich hübsch und viel wärmer als all die vielen Pomade-Köpfe hier und ich lasse meinen Blick öfter auf die Keramik gleiten. „Ein Curry gibt´s hier immer“, verriet mir der vietnamesische Betreiber zwischen Maracuja-Saft und Teller zwei. „Das ist ne solide Wahl.“ Also, ein Hoch auf die Solidität. Das schmeckte und war mit 7,80 Euro genau so smart bepreist wie das Personal im Dudu gekleidet war. Wenn´s ein zweites Mal gibt, wäre das ne (solide) Option.
Bei aller Spontaneität – wenns um Nachtisch geht, hört im Reiche Dudu die Experimentierfreude auf. Die Zigarette danach bleibt ja schließlich auch immer die Zigarette danach. Man hat hier die Wahl zwischen einem süßen (Kuchen) oder einem eher herben (Grüntee-Eis) Ausklang. Ich entschied mich für die herbe Variante: Grüntee-Eis (3,80 Euro). Klang interessant, sah auch so aus, hielt geschmacklich aber nicht Wort. „Igitt, igitt, igitt“ waren die ersten Eindrücke. Löffel für Löffel wurde ich jedoch ein wenig warm mit dem Eis mitsamt seinen Mandeln und einem Spritzer Aprikosen-Jus - vor allem weil es so cremig war, dass die Zunge Loopings drehte. „So cremig ist es nur hier“, sagte Bedienung Nummer drei. Sie liebe dieses Eis. Das war ne ehrliche Ansage. Von Liebe will ich und kann ich nicht sprechen, dafür knallte der Tee zu sehr durch. Aber ich näherte mich dem Nachspiel im Dudu zögerlich aber zielsicher an, machte aus der Not eine Tugend – immerhin war es ja kalt – und sog dazu noch ein paar Eindrücke und Gesprächsfetzen des Mitte-Trubels auf. Ehrlich: Das Essen war toll und ist sein Geld wert. Meine Empfehlung: “Believe the hype, but don´t share it”.