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Zeremoniell

KYO BBQ, Hausnummer 164

Buddha

Hauptstadt trifft Hauptstadt. Zumindest gibt sich der Laden mit den drei Buchstaben und den mindestens dreimal so viel Bediensteten ein hauptstädtisches Flair. Tokyo. Kyoto. Es geht um Japan. Es geht um KYO, das wiederum „Hauptstadt“ heißt. „Das modern elegante KYO greift die Ideen der urbanen Umnutzung traditioneller Orte auf“, schreiben die Macher in ihrem Konzept, das die reichhaltige und mit allerlei Bildchen versehene laminierte Speisekarte eröffnet. Aha. Weise Worte. Der erste urbane Eindruck bestand dann eher darin, in einem Art Show-Room für die Küchennutzung japanischer Art gelandet zu sein. Denn das Herz des KYO pocht in keinem versteckten Kämmerlein sondern an den Koch- und Grillstellen, die sich inmitten des riesengroßen und dadurch vergleichsweise gering bevölkerten Lokals mitsamt Dunstabzugshaube und Rohren befinden. Schwarz gekleidete Zeremoniemeister bearbeiten Kochflächen und offenes Feuer und stellen ihre Kunst zur Schau. Feinfühlige Japanerinnen rollen, kneten und komponieren Sushi-Variationen, hinter der Fisch-Auslage. Und eine Horde einheitlich gedresster Bediensteter mit „K“ auf der Stirn - Samurai-Style - schlägt die Brücke zwischen Kochstelle, Kunde und Speisekarte. Alles ein wenig einheitlich und dadurch kühl und pragmatisch konzipiert, was auch die mint-grünen und orange-farbenen Wände nicht mindern konnten. Irgendwann komme ich mir vor wie in einem japanischen Roulettespiel in dem man vom Tisch aus ständig in die Mitte blickt, seine Gedanken von Zeremonie zu Zeremonie gleiten lässt, um dann natürlich aus dem Bauch heraus zu entscheiden wo man seinen Jeton bzw. seinen Essenswunsch platziert. Das Risiko scheint gering. Die Zeremoniemeister haben ihr Handwerk im Griff. Alles frisch, alles transparent zubereitet und zwischen den dampfenden Moves noch immer ein Lächeln parat - da kann ich spontan nichts gegen haben. Hinzu kommt unsere durch und durch lässige Bedienung, eine junge Japanerin, so um die 28, die mit ungewohnter Kühle, eher verschmitztem Zwinkern, aber dennoch mit Herz und Interesse an unseren kulinarischen Vorstellungen die Hemmungen minimiert und das Bauchgefühl stärkt.

1. Jeton: Gelber Cocon (Victoriabarschstücke mit Wasabi-Mayonaise-Dip in Kartoffel-Cocon)

Die Bedienung hat mein Vertrauen früh gewonnen. So setze ich auf ihre Empfehlung hin in Runde 1 auf den „gelben Cocon“, was im KYO für marinierte Victoriabarschstücke mit Wasabi-Mayonaise-Dip in einem hauchdünnen Kartoffel-Cocon steht. Einsatz: 3,90 Euro. Der Name allein klingt schon so geil, dass Herz, Kopf und Bauch gemeinsam in den Chor der Überzeugung einstimmten. Und sie behielten Recht. Das ganze, schön knusprige Konstrukt mit zartem Kern braucht kein Besteck, sondern wird auf einem Salatblatt in den Mund befördert. Dort gelandet, entfaltet sich ein zartes Esserlebnis mit einem Touch Wasabi, der nach meinen Vorstellungen noch einen Tick härter hätte sein können. Aber auch so wird dem Gaumen so einiges gegeben. Das Herz schreit nach mehr, die Stimme versagt, weil der Rotbarsch noch eine Weile auf der Zunge tänzeln will, der Bauch aber will Nachschub. Neuer Einsatz, neues Glück. Unersättlich. Als ob nicht schon genug gewonnen wäre. Während des Wartens auf die neue Beute bleibt schließlich ja noch genug Zeit, um mit spitzer Zunge noch ein paar Knusperkartoffelfitzel aus den Backenzwischenräumen zu fischen oder per angefeuchtetem Finger noch einige vom Vorspeisenteller aufzulesen. Das Spiel hat mich längst gepackt. Mehr. Mehr. Mehr. „Herr Zeremoniemeister, bitte übernehmen Sie“.

2. Jeton: Kushiyaki Variationen

Kushiyaki macht das Rennen. Die Tepayaki-Grillplatten müssen hinten anstehen, ebenso die Sushis, die es ohnehin schon viel zu oft auf der Torstraße gibt. Zwecks Risikodiversifizierung setze ich auf die Variationen. Der Jeton wandert zum Zeremoniemeister an der offenen Flamme auch wenn der Kochplatten-Samurai bei seinem Balancieren und Garen von Jakobsmuscheln schon einige Props eingefahren hatte. Für moderaten Einsatz (11,80 Euro) feuert der Meister gleich sechs kleine Spieße für mich an, parallel säuselt The Cures Robert Smith „Spiderman is having you for diner tonight“ um nach Songende aber dann von weitaus passenderem Lounge-Geplänkel abgelöst zu werden: CheesMaki (Rindfleisch-Käse), Tori (Lamm), Ebi (Garnelen), Sake (Lachs), Tsukune (Hühnerfleischbällchen) und einen honiggetränkten Hächnchenspieß lässt die coole Kellnerin vom Spieltisch zum Esstisch sausen. Dazu separat eine Schale Reis und einen eher unpassenden Krautsalat, der wohl dem BBQ hinter dem Namen KYO geschuldet ist. Den lasse ich beim nächsten Mal weg. Die Spieße setzen Akzente. Jeder auf seine Art. Jeder ganz individuell mariniert. Platz 1 geht auf jeden Fall an die Garnele mit dem herrlich scharfen Gewürz, bei dem aber auch der Eigengeschmack nicht verloren ging. Platz 2: die Lamm Variation. Das hier vermutete hohe Risiko wurde mit einer guten Konsistenz und einer eigenwilligen Marinade für nichtig erklärt - nur etwas länger warm hätte es bleiben können. Überraschungsdritter wurden die Hähnchenbällchen, auch hier beförderte die individuelle Würze den Spieß aufs Treppchen. Die Rote Laterne hingegen geht an den Lachs. Der war mau und nicht so würzig, gehört aber ohnehin auch nicht zu meinen Leibspeisen. Zum Vorwärmen gabs vorher noch eine Miso-Suppe, die ein wenig algig schmeckte, Tofu-Stückchen ihr Eigen nannte, aber eher vernachlässigenswert war. Besser zum BBQ hätten einige Saucen gepasst, die sich ein wenig von der zusätzlich gereichten Sojasaucenreduktion, hier als Grillsauce betitelt, abheben. Das war ein wenig zu viel Soja, zusätzlich etwas Fruchtigeres hätte ich mir deutlich lieber einverleibt. Aber es sollten noch Früchte folgen.

Rien ne vas plus: Gebackene Banane mit Vanille-Eis

Da keine exotischeren Exponate zu finden waren, fiel die Wahl auf diesen eher klassischen Kandidaten. Die Erwartungen waren nicht allzu groß, die Jetons bisher erfolgreich platziert, so dass nichts mehr zu verlieren war. Das einzige Risiko bestand in der Gefahr der Mittelmäßigkeit. Diese verflüchtigte sich schon bei der Ankunft. Sternenförmig drapiert und mit überknuspriger honigbetupfter und krokantumsäumter Hülle kamen die drei Bananenhälften daher, so gut wie ich sie – glaube ich bislang noch nicht gegessen habe. In der Mitte: eine Kugel Bourbon-Vanilleeis zum Ablöschen und Vermischen. Ein wahnsinniges Finale, das viel mehr halten konnte als es zu versprechen wagte. Mit 4,50 Euro war es nicht das billigste Vergnügen, aber da legt man für die Art der Zubereitung gerne mal eine Schüppe drauf. Schnell schüppte ich Banane, Eis, Eis-Banane samt Honigspuren in mich hinein und leckte mir fortan die Finger danach. Die Fertigung dieses feinen Leckerbissens, konnte per Live-Küche leider nicht erspäht werden. Es bleibt ein japanisches Hauptstadt-Geheimnis. Um es zu lüften muss die heimische Küche her, denn auch Miss Supercool rückte nicht mit dem Rezept raus – oder ich komme wieder, sobald ich die Torstraße durchgespeist habe und analysiere genauer…Fortsetzung könnte also folgen.

 

 

Zeremonie-Zeremonien:
Brian Eno - Music for airports
Pedro The Lion - Priests and Paramedics
The Cure - Lullaby

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