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Bissfest

Orient-Grill, Hausnummer 227

Ich muss gestehen, ich habe lange gezögert beim Auftakt. Der erste Laden auf der Torstraße und gleich ein Orient-Grill. Einer von diesen in Berlin gefühlt 500. Einer, bei dem Google 180.000 Ergebnisse ausspuckt. Orient-Grills sind die Müllers und Meiers der Döner-Kultur. Mit orientalischer Exotik hat das nix mehr zu tun. Dennoch heben sich diese schmierig-schniefenden Brat- und Grillstätten mit ihrem postmodernen Mix aus Postenbörsen-Chic, schäbigen Möbeln und fabrikgefertigten Speisebildchen deutlich von der Franchising- und Systemgastronomie ab. Kleinunternehmertum rules!

So auch in der Torstraße 227. Vom S-Bahnhof-Friedrichstraße kommend, hatte ich erst noch gehadert. Dann aber kam sie. Die Frau mit der roten Tasche. „Fleisch hat immer Saison“ schleuderte sie mir in weißen Lettern entgegen. Die Botschaft der werbetüchtigen fleischverarbeitenden Industrie war angekommen. „Okay, überredet“ – nun war ich mir meines Ziels bewusst.

So grüßte dann gleich auch die gut durchgezogene Rolle Pressfleisch neben der Eingangstür, eine halbwegs einladende Salatbar brachte mich auf andere Gedanken, die durch die Speisekarte auf einer Art Anzeigetafel über dem Grill wieder verflogen. „Was soll es also sein, mein Herr?“, so die Frage des überaus freundlich-vergnügten Betreibers türkischer Herkunft mit grau-melierter Kurzhaarfrisur und einem üppig ausgeformten Schnauzbart. Eine sehr gepflegte Erscheinung, die so gar nicht zum Fleischerei-Ambiente am Spieß und auf der Leuchtwand passte. Ein Netter. Ein Mann und sein Laden. Um die zum Großteil rauchenden Stammgäste aus dem neighbourhood nicht zu verprellen, hat er kurzerhand ein Vorzelt vor seinen Point-of-food gezogen. Man schreitet also erst durch eine ungeschönte Landschaft aus roter Plane, Leuchtsträngen und Schützenfest-Bänken um an die Speisestätte zu gelangen.

Das Publikum ist bunt gemischt. Keine Mitte-Machos – solides Arbeiterpublikum, bei dem ein Tropfen Soße auf die Karo-Jacke keinen großen Schaden mehr anrichtet und auch ein paar Businessleute, die sich nach getaner Büroplackerei offenbar mal wieder Zeit für etwas Echtes und Ehrliches einräumen wollen. Aus den Boxen dröhnt radio rs2. „Am I hero?“, krafstrotzt Metallicas James Hetfield aus den Membranen der Billig-Elektronik um danach das Mikro an Pearl Jams Eddie Vedder weiterzugeben. Türkische Folklore wäre schöner gewesen. Aber für folkloristische Sozialromantik ist der Orient Grill der falsche Ort. Zeit, das was auf den Teller kommt: .

Vorkauen: Schafskäse-Salat und türkischer Kartoffelsalat

An den „Schnitzeln“, „Köftes“ und „Hähnchen“ im Brot vorbei peilend, entschied ich mich für das Hausgemachte. Was leichtes vorab, bei all´ der schweren Kost, die einem von der Anzeigetafel entgegen strebt. Die gut gewürzten, mit Möhren und Porree angemachten Kartoffelquader waren wirklich lecker, nicht superfrisch, nicht superexquisit, aber sie brachten mich auf Versöhnungskurs mit dem orientalischen Torstraßen-Zauber. Auf den Schafskäsesalat hätte ich jedoch besser verzichtet, das war sehr salzig und käsig und nicht besonders innovativ. Aber für 2,50 Euro im Doppelpack will ich mal nicht klagen. Besser als meine Vorurteile wars auf jeden Fall.

Zubeißen: Kalbsfleisch-Döner mit Kräuter-Scharf

Innovation gehört nicht zum Vokabular eines Orient-Grills. Kulinarische Überraschungen gibt es hier keine großen. Deshalb war sehr schnell klar, dass – allein schon wegen der zahlreichen Vergleichsmöglichkeiten – ein Döner (2,50 Euro) folgen musste: Im Fladenbrot, mit Kräuter-Scharf, ohne Zwiebeln. Dieser Selbstversuch zeigte mir, dass – gemessen an kleinstädtischer Imbiss-Kultur – die Döner-Qualität in Berlin doch relativ hoch ist. Relativ. So auch hier: Das Pressfleisch machte sich nicht als solches bemerkbar, die Würzmischung stimmte. Keine ganz so großen Fleischbrocken sondern auch einen halbwegs frischen Salatmix trug das Fladenbrot in sich. Optisch kam das bunt gefüllte Gebäck auf einem ebenso blumig-farbenfrohen Plastikteller daher. Das passte zwar alles nicht zusammen, setzte aber trotzdem Akzente. Bissen für Bissen gings voran, angetrieben von rs2. Der Brocken im Magen begann sich irgendwann so langsam bemerkbar zu machen. Am letzten Zipfel des Weizenmischgebäcks angekommen, war klar, dass diesmal der Nachtisch keinen Platz mehr finden würde. Zum Glück sah die Anzeigentafel eine solche Option auch gar nicht vor. Etwas Liquides musste folgen – zum Nachspülen.

Nachspülen: Coca-Cola light

Kein Raki, kein Rubin-Vitaminsaft, eine Coke – Coke light rang der Brocken im Magen mir ab. Da die SB-Getränkekühltruhen die kleinen Formate nicht parat hatte, machte sich der türkische Betreiber aus dem Kreis seiner rauchenden Stammgäste vom Zelt aus auf den Weg, um mir aus dem Lager noch kalorienarmes Koffeingetränk klarzumachen. Dieses genoss ich dann in vollen Zügen und ließ die Szenerie auf mich wirken. Nach einer Weile gruppierte sich die wild berlinernde Raucherfraktion um mich herum und ließ den offenbar entgleisten vergangenen Abend im Orient Grill Revue passieren. Das stärkte meine schon lange gefasste These, dass – insbesondere im Ostteil der Stadt – die Döner-Gastronomie längst die Rolle ehemaliger Eck-Kneipen und -Pinten übernommen hat. Hier trifft man sich, kommt zusammen, trinkt Sternburg für 1,20 Euro, Raki auf Kosten des Hauses und tauscht sich über das tagtägliche Austauschen im Grill aus. Praktisch: Sobald ein Hungergefühl aufkommt, kann es gleich mit ein paar Fleischfetzen zum Erliegen gebracht werden. Ich verabschiedete mich aus der Runde und zersetzte die Essklumpen daheim mit einem wohltuenden neapolitanischen Rauten-Grappa. Ob ich wiederkomme, entscheide ich besser mal nach der nächsten durchfeierten Nacht.

Döner-Dröhner:
EA 80 – Fleischer
Ice Cube – Gangsta Rap made me do it
Poison Idea – Punish me

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