
Torstraße 179. Mittendrin stecke ich nun im Spaghetti Western. Doch es riecht nicht nach rauchenden Colts, sondern nach gebratenem Knoblauch. Der Stil, eher dezent und asketisch als Kitsch aus diesen gammeligen wie unterhaltsamen Italo-Streifen. Nun ja, immerhin Italo triffts. Der Kellner, mit tief aufgeknöpften hellblauen Hemd über behaarter Brust macht am ehesten noch dem Namen alle Ehre. Ein Netter, Bemühter, manchmal sich auch gerne mit Freunden festdialogisierender Zeitgenosse, zwischen prego und danke schwankend, nicht unsicher, sondern erhaben. Ein Hauptdarsteller eben. Der erste Eindruck, dass es sich eher um einen Weißrussen als um einen Italiener handelt, verflüchtigte sich im Laufe des Abends. Die Gerüche blieben in der Luft. Zum Glück waren es ausschließlich wohlriechende Essenzen, denn im kleinräumigen, so um die acht Tische umfassenden Western-Saloon, wird natürlich hinter dem Tresen gekocht. Alles ist sichtbar und transparent, man kann dem geschulten Koch-Cowboy über die Schulter blicken und feststellen, dass dieser sein Handwerk beherrscht. Musikalisch setzt man auf Lounge Jazz, eher der Marke eines gemäßigten John Coltrane als der eines experimentierfreudigen Ornette Coleman. Passt zwar nicht zum Western, passt aber ganz gut. Für Einzelesser gibt’s allerlei Zeitungen und Magazine, für Mittagesser einen Mittagstisch und auf diesen mittags wie abends eine Blume und eine Kerze. Die Gäste sind eher zwischen 30 und 40, manche von ihnen, vor allem der mit dem roten Hut wollen sich vielleicht für eine Rolle im Western bewerben, insgesamt ein nettes Ensemble aus Mitte-Protagonisten, geschmackssicherer Boheme und ambitionierten Studenten die den Namen interessant fanden. Alle Tische sind gefüllt. Der Laden hat seinen Platz auf der tighten Torstraße gefunden. Und ich nach einiger Zeit, auf der überzeugenderweise nur mit Nudelgerichten bestückten Speisekarte mein Menü.
Ich muss gestehen, in Sachen Suppe Essen im Restaurant bin ich ein Anfänger. Wenn probiert, wurde ich zumeist enttäuscht und gab mich allzu schnell dem verfänglichen Gedanken hin, dass irgendwo im stillen Kämmerlein der Gaststätte XY bestimmt ein Topf a la Gulaschkanone schlummert und die liquide Speise samt Gewürzmasse noch mal so richtig durchziehen lässt. Das erinnerte mich dann zu sehr an Schützengilden oder aber Rot-Kreuz-Blutspenden, dass die Suppe nicht Einzug in meinen Magen erhalten sollte. Im Spaghetti Western bekam das Medium Suppe seine zweite Chance und nutzte sie. Frisch zubereitet, nicht dickflüssig und bestückt mit eher gehauchten als geschnittenen Champignon- und Zucchini-Scheiben schraubte sie die Spannungskurve in diesem kulinarischen Italo-Western gleich mächtig in die Höhe. Auf die Frage des Hauptdarstellers ob es denn schmeckt folgte nur ein Stakkato-Nicken und dann der erneute Griff zum Löffel. Sehr zu empfehlen das Ganze. Ein Vorspann den man sich für smarte 3,90 Euro nicht entgehen lassen sollte. Besonders großartig waren auch die angebrutzelten Croutons. Das nächste Mal bestell ich einen Nachschlag davon.
Hauptgericht in diesem Saloon, Hausnummer 179, heißt auf jeden Fall: Nudeln, Nudeln, Nudeln. Aha, da klingelt´s. Klar: Deswegen ja Spaghetti-Western. Da gibt es hier viele Variationen. Mit Shrimps, mit Meeresfrüchten, mit Kalb oder ganz klassische Aglio et Olio. Auch für die scharfe Fraktion gibt’s allerlei Peperonici-Varianten, die das Bier oder den guten Hauswein, für dessen weiße Sorte ich mich entschied, schnell hinunter fließen lassen. Western-Style! Ich entschied mich für die softe Nummer und wählte die Fettuccine mit Kapern, Tomaten und Paprikacreme (8,50 Euro), vor allem weil ich diesmal aus Kuschel- und Tuschelgründen auf den Knoblauch verzichten wollte und aber auch weil Kapern, dies kleinen runden Irgendwasse, mich immer schon total verrückt gemacht haben. Mit der wirklich frischen Paprika-trifft-Frischkäse-Kombination war es einen Versuch wert. Auch dieses Gericht hielt die Qualität auf einem hohen Niveau. Kein Gemansche, alles genau in der richtigen Zeitspanne zubereitet, al dente ohne die Dentalbereiche allzu sehr zu beanspruchen. Ideal. Die Effekte an den richtigen Stellen eingesetzt. Gute Nudelstreifen.
Irgendwie war er dann doch immer noch da der plötzliche unerklärliche Wunsch nach einem in Schokolade gehüllten Ausklang. Es ist komisch, alle Höhen schon durchlebt, jede Kaper, jeden Crouton ausgekostet, weggeknabbert, ausgelutscht, dennoch: Dessert darf nicht fehlen. Also fiel die Wahl auf das zumeist verlässliche Schokoladenmousse. Keine Experimente. Auch wenn hier in diesem Laden die Wahrscheinlichkeit eines gelungenen Experiments sehr groß gewesen wäre. Es sollte Schokomousse sein. Man nennt mich auch Mousse T. Viel zu schick für Geldbeutel schonende 3,50 Euro arrangiert, kam es daher, konnte aber leider nicht halten was es versprach. Es war zwar kein Flop am Ende aber auch nicht mehr als Italo-Standard. Süß, schokoladig, sündhaft sättigend. Nicht mehr, nicht weniger. Gut, das auch italienischer Standard meist weit vor dem deutschen Schokopudding liegt. Beim nächsten Mal werde ich entweder mir ein Schale Croutons zum After-Diner-Knabbern ordern oder erst mal komplett die Szenerie durchchecken, die gemixte Dessertplatte wählen, mich dann zurück auf die Torstraße rollen oder vorab erst noch vier Grappa einwerfen, um wieder runterzukommen. Der gute Tropfen blieb diesmal unversucht. Wein, Wasser, Brot mit Stuhl, Tisch, Kerze waren die Requisiten. Ein Bühne die ich gerne wieder wähle. Ich mag diesen ganzen Italo-Kram einfach zu sehr. Besonders schön: die ganzen Vapiano-Ganoven werden in so einem Spaghetti Western noch vor dem Duell in Flucht geschlagen und können ihre Colts schön stecken lassen.
Fotos: leider hat mich beim ersten Besuch mein gutes Gerät im Stich gelassen, bei einem zweiten Besuch, wollte ich das überzeugende Menü noch einmal kosten. Aber, wie sich das für eine gute Adresse gehört, waren längst neue Nudel-Kreationen in der Speisekarte zu finden. Nur das tolle Schokoladenmousse war noch zu haben, zusammen mit meiner smarten Begleitung Miriam. Aber lasst Euch gesagt sein, die Spaghetti-Gambas versetzten den Gaumen auch in Aufruhr.
