
Da ist er also: Berlins erster Spex-Laden. Während sich damals – als das kluge Popkulturmagazin noch in Köln residierte – in einer Fülle von Läden wie Sixpack oder Hallmackenreuter diskursfreudige Schreiber- und Leser – mit Heft unterm Arm – vereinten, hat es in Berlin eine Weile gedauert. Im Themroc gibt´s jetzt einen Unterschlupf, wo man gerne zusammenkommt und mittlerweile auch eine regelmäsige Spex-Kochreihe ausrichtet: „Being Boiled“. Philosophische Diskurse mit dem sympathischen, verwaschene T-Shirts und Mütze tragenden Bedienungspersonal werden hier allerdings eher auf französisch geführt, denn der Laden ist fest in belgischer Hand. Südseite. Hier wohnen Wallonen. Stilbewusst, detailverliebt, experimentierfreudig. Meine Annahme die Hornbrille und die Adorno-Einstiegslektüre gibt´s am Eintritt gleich gratis entpuppt sich als Schubladendenken. Es säuseln französische Chansoniers. Es empfängt mich eine Mischung aus wohl dosierter Schlichtheit und dezent verbreiteter Wärme. Es brutzelt und duftet bereits – denn gekocht wird im Themroc direkt hinter der Holztheke.
Zur Feier des Tages habe ich mich bei Germanys-Next-Pop-Model Norman Palm eingehakt. Ein kluger Sympathikus. Wir wollen wissen wie die selbst ernannten Situationisten im Themroc so ticken und vor allem wie sie kochen. Norman trägt Hornbrille und Drei-Tage-Bart und er macht tolle Musik. Wir geniesen den Moment. Davon gibt es viele, denn wir lernen schnell, dass Situationisten Zeit gerne Zeit sein lassen.
Zu essen gibt es im Themroc was auf den Tisch kommt. „Alle Gänge oder nur einen?“, lautet die Schlüsselfrage des frankophilen Platzanweisers, der uns den Platz an der Sonne – soll heisen: den einzigen Fensterplatz – ermöglicht. Es ist 19:30 Uhr. Mit einer Mischung aus Schaufenster- und Voyeuristen-Feeling sitzen wir und staunen und atmen das Gefühl im richtigen Laden zur richtigen Zeit zu sein. Joachim Bessing – Popliterat a.D. – ging ja auf Anhieb sogar so weit vom besten Laden Berlins zu sprechen. Er machte damit deutlich woran die Popliteratur anno 2001 krankt(e). Am penetranten Zwang zur Übertreibung. Aber sehr gut ists hier, keine Frage.
Mit Soul in den Ohren entscheiden wir uns für den bewährten Dreiklang aus Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise. Danach wird gewartet. Und geredet. Und getrunken. Pilsner Urquell. Und wieder gewartet. Der Laden füllt sich. Keine Hektik. Irgendwann kommt das Essen.
Die Themrocker machen ernst. „Cuisine“ muss schon sein. Das Warten soll sich schlieslich gelohnt haben. Voilà: Ein pochiertes Ei kommt umgeben von in Rotwein badenden Schalotten. „Oeuf Meurette“ (4 Euro). Das Ganze im schönen weisen Old-School-Geschirr mit dunkelbraunem Rand. Dazu: ein gut gebräuntes Stück Kräuterbaguette. Darauf: ein ordentlich durchgebratener Streifen lupenreinen Specks. Oh la la. Nun gilt es, das Ei leicht zu touchieren, mit Schalotten und warmem Vino zu mischen und einen Fitzel Fleisch hinzuzufügen. Das mundet. Und es mündet im unausgesprochenen Wunsch eines Nachschlags.
Bis es kam, sollten noch einige kräftige Schlücke Pilsner Urquell und Gespräche über Mexiko, Meppen, Mädchen und städtisches Mäandern folgen. Wir haben uns eingelebt hier. Es ist behaglich. Unser Hunger hält Norman und mich nicht davon ab, mit der Gesamtsituation im Grosen und Ganzen zufrieden zu sein. Das Hähnchen „Hähnchen“ zu nennen ist allerdings grob. Wie schon bei den Eiern würde der französische Name dem Hähnchen auch semantisch den Charme geben, den es verdient hätte. Denn um ein schnödes Hähnchen handelte es sich hier keineswegs. Ein kleiner kompakter gut gebräunter Broiler kommt daher, mit Rosmarin gewürzt und mit einer ganz eigenen Masse aus Kalbsfleisch und Pilzen gefüllt. Daran: kleine Zucchini-Quader mit einer leicht sahnigen Sauce und frittierte, selbstverständlich selbstgefertigte Kartoffelplätzchen, für die man den Pommesbudengeruch gerne mal mit nach Hause nimmt. Frische Kräuter rundeten diesen situationistischen Speise-Entwurf (10,50 Euro) ab. Das ist nicht geflunkert, sondern schon nah dran an Kochkunst.
Es ist schon spät. Die Menschen an den Tischen schauen zufrieden drein. Das Essen hat gemundet. Nun wird’s noch mal abgerundet. In kleinen, mit 3,50 Euro etwas überteuerten Gläschen wird Aprikosen-Mascarpone gereicht. Ein schöner Abschluss, der nach drei Löffeln leider viel zu schnell vorbei ist. Trotzdem ein süses Finale eines Abends, der zunächst so verlief als könnte es gar kein Finale vor Mitternacht geben. Aber auch eines Abends, der uns zum lebendigen Teil eines Ladens gemacht hat. Ganz so als würde der beste Freund von nebenan heute mal etwas ganz besonderes zaubern. Der Preis der Freundschaft blieb zunächst verborgen. Er offenbart sich auf der am Ende stilecht auf Papierserviette gefertigten Rechnung. Ganz so günstig wie angenommen und von Freunden propagiert ist das dann alles doch nicht. Steigt das Hipness-Thermometer, steigt offenbar auch schnell die Preiskurve. Trotzdem: was bleibt ist Wärme und Herzlichkeit und ein französischer Akzent und eine gute Idee und die Spex in der Tasche und die feste Überzeugung dass die Themrocker und auch Norman „the next big thing“ sind oder werden könnten – vorausgesetzt die Situation lässt es zu.